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 STORY
F.K. Barth
H. Steege
Ulmer Hocker

H. STEEGE

Der Mann, der Papphocker zur Erfolgsstory machte

Die Bilanz seiner Kirchentagsarbeit klingt wie ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Heinz Steege, von 1970 - 1998 Organisationsleiter des Kirchentages, hat nicht nur 14 Kirchentage organisatorisch verantwortet. Er war auch der Mann, der den Papphocker zum Durchbruch verhalf: In seinen 29 Kirchentagsjahren hat er insgesamt etwa 750.000 Exemplare aufstellen lassen. In Anspielung auf das stabilisierende Pappkreuz im Kirchentagshocker darf der heute 63Jährige ohne Bescheidenheit von sich sagen: "Ohne Ste(e)ge lief nichts".

Herr Steege, haben Sie noch einige Papphocker bei sich zu Hause?

Na klar. Vier sind im Keller in Gebrauch, wenn ich aus der Sauna komme, lege ich meine Füße drauf. Und ich habe ungefähr zwanzig im abgebauten Zustand auf dem Boden. Für den Fall, dass unerwartet viel Besuch kommt.

Die beiden Generalsekretärinnen, Margot Käßmann und Friederike Woldt, hatten enorme Schwierigkeiten, einen Papphocker selbst aufzubauen. Ist Ihnen nie die Idee gekommen, Einführungskurse in die Kunst des Papphocker-Aufbaus zu geben?

Ach, ja?! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich gerne angeboten. Der Papphocker gehört zur Grundausstattung der Kirchtage. Seine Montage ist leicht erlernbar. Ohne den Hocker wäre der Kirchentag vielleicht auch nie so lebendig geworden. In Kirchenbänken oder Stuhlreihen ist eine liturgische Steifheit schon fast vorgegeben. Papphocker erlauben mehr Bewegung und Flexibilität. Vielleicht gibt es auch kein besseres Symbol als den Papphocker für den Kirchentag. Er sorgt für eine mobile, flexible und fröhliche Art Kirche zu sein.

Erinnern Sie sich an die Anfänge des Papphockers? Wie kam es dazu?

Die Zeit war reif für neue Formen. Die Menschen wollten anders miteinander reden, als nur frontal zuhören zu müssen. Der Musikstil hatte sich geändert. Paul Gerhardt war besonders bei jungen Leuten nicht mehr so gefragt. Und die 68er-Bewegung mit ihren Ruf nach mehr Partizipation und Demokratie hatte natürlich auch den Kirchentag beeinflusst. Der "Muff von tausend Jahren unter den Talaren" sollte abgelegt werden. Die Zeichen der Zeit standen auf Erneuerung.

Und wie ging es dann los mit den Papphockern?

Zu den Kirchentagen Anfang der 70er Jahre gab es zwei Aktionen, bei denen wir neue Formen testeten. Zum einen war es die liturgische Nacht in Frankfurt am Main mit Bierkästen von der Henninger Brauerei. Doch die Kisten wurden nicht allein zum Sitzen benutzt, sondern zu Türmen gestapelt. Das Volk war eben kreativ. Das Zweite war: Wir haben auf dem Markt der Möglichkeiten Ruhezonen eingerichtet. Sie bestanden aus grünen Jutesäcken, gefüllt mit Styropor zum Sitzen und Liegen. Die Firma Hoechst hatte zwei oder drei Güterwaggons voll Styropor angefahren. Das musste mit Hand in Säcke gestopft werden. Unsere vier Mitarbeitenden, die wir vom Messearbeitsamt für diese Arbeit bekommen hatten, waren ganz schön am Fluchen. Beides hatte sich nicht bewährt. Bis dann Friedrich Karl Barth mit dem Prototyp eines Papphockers ankam.

Und dann wurde der Papphocker zum bekanntesten Möbelstück des Kirchentages?

Mal langsam. Ich ging dann damit zur Fuldaer Firma Stabernack und gab die ersten 2.500 Exemplare in Auftrag. Die kannten sich aus, denn sie fertigten Verpackungen für Ferrero und andere. Doch das Schwierigste stand uns noch bevor: eine Genehmigung zu bekommen. Normalerweise müssen Sitze bei Großveranstaltungen miteinander verdrahtet und verlattet sein. Nun hatten wir aber Hocker. Es kam immer wieder der Vorbehalt, die könnten ja brennen. Deshalb war es immer notwendig, die Feuerwehr und die Genehmigungsbehörden zu überzeugen. Wir hatten ja mitunter 10.000 Hocker in einer Halle.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Ich erinnere mich noch, dass die gesamte Genehmigungsprozedur bis hin zu Herrn Achilles aus Frankfurt gegangen ist. Er war so etwas, wie der Brandpapst von Deutschland. Alles, was sich damals im Barndsektor entwickelte, stand in Verbindung mit seinem Namen. Die Untergebenen trauten sich nicht, eine positive Entscheidung zu treffen. Ich habe immer einen Streichholz unter einen Hocker halten müssen, um zu zeigen, dass sie nicht so einfach brennen. Genehmigungen zu erhalten war der schwierigste Akt überhaupt - bei jedem Kirchentag wieder. Bis zum Hamburger Kirchentag 1981. Dort gab es einen Beamten der Feuerwehr, der mir schriftlich bestätigte, dass Papphocker keine Gefährdung darstellen. Und dieses Schreiben zog ich dann immer wieder aus der Tasche, wenn Behörden Bedenken äußersten.

Und wie hat sich der Papphocker über die Jahre durchsetzen können?

Der Vorteil der Papphocker war, dass mit ihnen Veranstaltungen neuen Typs möglich waren. Außerdem war er wirtschaftlich sehr interessant. Bei höheren Stückzahlen kostete er etwa 1,70 bis 1,80 DM. Auch war der Abbau leicht zu händeln: Peter Janssens hat extra den Müllrock dazu komponiert, bei dem die Menschen Ketten bildeten und in kürzester Zeit die Hallen leer räumten. Es glich häufig einem kleinen Wunder. Wir haben sogar die Zeugen Jehovas übertroffen, die dafür bekannt waren, dass sie alles selbst gemacht haben. Sie haben Ameisenheere zum Aufräumen losgelassen, wenn sie große Veranstaltungen hatten. Aber auch wir haben es auf Messegeländen geschafft, dass am letzten Kirchentagsabend, zwei Stunden nach Schluss der Veranstaltung, die Hallen fast besenrein waren.

Wann wurde der Papphocker zum Kult?

Als in den 80er Jahren die geschlechtergerechte Sprache propagiert wurde, kam es zu den legendären "Papphockerinnen und Papphocker". Natürlich um die ganze Sache auf die Schippe zu nehmen. Sogar bis ins Programmheft des Münchener Kirchentages wurde diese Bezeichnung geschmuggelt. Auch dieses Wortspiel mag dazu beigetragen haben. Aber an erster Stelle waren es die Bilder von Hunderten von Hocker-Sitzreihen, die durch die Medien gingen. Und wie unsere Helferinnen und Helfer in Fließbandtechnik Berge von Papphockern gefertigt haben. Dadurch avancierte der Pappkarton zum Kult.

Gibt es eigentlich ein Patent auf den Hocker?

Nein. Ich habe gedacht, dass der Papphocker auch bundesweit vertrieben werden könnte und habe auch bei Stabernack angeregt, ihn mit ins Fertigungsprogramm aufzunehmen. Viele Gemeinden wollten ja auch den Hocker für ihre Arbeit vor Ort bestellen. Es kam aber nie zu größeren Mengen, so auch nicht zu einem großen Geschäft. Ein Großteil des Bedarfs wurde ja auch über den Kirchentag abgedeckt. Wir haben unsere gebrauchten Papphocker einfach weiterverkauft.

Wurde nie Kritik am Papphocker laut? Zwei Stunden Dorothee Sölle auf einem solchen Hocker zu zuhören ist schließlich kein Pappenstiel, oder?

Es kam immer wieder Hinweise von älteren Besuchern. Aber es gab nie lautstarke Beschwerden. Die meisten haben das so akzeptiert und ja auch für sich genutzt: nicht nur zum Sitzen, auch zum Essen oder Schlafen. Dorothee Sölle hat übrigens in der Regel eine Bibelarbeit gehalten und die dauerte sowieso nur eine Stunde.

Wie ergeht es den Papphockern zwischen den Kirchentagen?

Ein Teil wird nach den Veranstaltungen verkauft, ein anderer Teil eingelagert. Zu DDR-Zeiten haben wir immer einige Tausend für die dortige Kirchentagsarbeit zur Verfügung stellen. Der Papphocker hat also auch eine gesamtdeutsche Vergangenheit.

Wie sieht ein Leben nach einer aktiven Papphocker-Ära aus? Haben Sie ab und zu Sehnsucht nach ihm?

Bisher nicht. Es war spannend, diese "Bestuhlung" für Kirchentage durchzusetzen, auch weil dadurch die Kommunikation bei den Veranstaltungen verbessert wurde. Und alle Kirchentage waren schon eine enorme Herausforderung, nicht nur wegen der Genehmigungen. Doch die Organisation der Kirchentage ist auch unheimlich intensiv und kräftezehrend. Ein Kirchentagsjahr sind vielleicht zwei bis drei Lebensjahre - würde ich sagen. Jetzt genieße ich es, Zeit für die Sauna zu haben und meine Füße auf meine Papphocker zu legen und auszuspannen.

Das Interview führte Bernd Prigge aus Hannover


 

Heinz Steege - Der Kirchentagsorganisator machte den Papphocker zur Erfolgsstory

"30 Jahre sind genug"

- Kirchentagsorganisator Heinz Steege hört auf

Der 27. Deutsche Evangelische Kirchentag in Leipzig ist für Heinz Steege der letzte: Der Organisationsleiter tritt im Jahr 1998 in den Ruhestand. Wie Steege am Samstag erklärte, geht er zufrieden und aus freien Stücken. "Ich habe erlebt, wie Menschen nicht aufhören wollten und nicht aufhören konnten", erklärte Steege, der im nächsten Jahr 60 wird, gegenüber der Nachrichtenredaktion des Kirchentags. "Wer den Zeitpunkt zum Gehen verpaßt, tut sich keinen Gefallen."

Der gelernte Bankkaufmann ist seit 1970 hauptamtlich beim Kirchentag; zuvor war er bereits an der Vorbereitung der Treffen von 1967 und 1969 beteiligt.

Vor kurzem hatte Steege noch erklärt: "Der Kirchentag ist mein Leben". Er will sich künftig verstärkt dem Tennisspielen und dem Segeln widmen.