Friedrich Karl Barth, ehemaliger Leiter der "Beratungsstelle für Gestaltung von Gottesdiensten und anderen Gemeindeveranstaltungen" aus Frankfurt/Main, berichtet von den Ursprüngen des Papphockers.
Die Idee mobiler Sitzgelegenheiten gab es schon in den fünfziger Jahren: Max Bills Ulmer Hocker, entworfen und gebaut für Studenten in überfüllten Hörsälen. Drei Seiten aus miteinander verzahntem Fichtenholz mit zwei Standkufen aus Buche, an der Basis zusammengehalten durch einen runden Buchenstab, der zum Tragegriff wurde, wenn man mit dem Hocker wandern ging in den nächsten Saal. "Ulmer Moral der Gegenstände". - Aber davon wusste ich nichts in den siebziger Jahren.
Wir bereiteten die erste Liturgische Nacht (LINA) in Düsseldorf 1973 vor. Die Einrichtung der großen quadratischen Hallenfläche folgte der Dramaturgie, die wir für die Liturgische Nacht ausgedacht hatten. Unser Plan gab an: Podium in die Mitte der Halle bauen, eine Hälfte zum Podium hin bestuhlen, die andere Hälfte zum Podium hin leer lassen (Vgl. Liturgische Nacht, Ein Werkbuch, hrsg. Friedrich K. Barth u.a. im Auftrag von AGOK, Jugenddienst Verlag, Wuppertal 1976, S 117). An leicht beweglichen Sitzmöglichkeiten bot uns der Deutsche Evangelische Kirchentag meiner Erinnerung nach 400 Luftmatratzen an, von denen dann nicht so viele aufgeblasen wurden, denn das war eine zeitraubende, stinkende Beschäftigung.
Die überwältigende Resonanz - etwa die Hälfte der Dauerteilnehmer des Kirchentages feierte die LINA - bedingte den Wiederholungsfall zwei Jahre später in Frankfurt / Main. Die Halle dort war in der Fläche ein längliches Rechteck. So ließ sich nur ein Halbkreis um das mittig an eine Längsseite gebaute Podium einrichten. Damit hatten wir ein Problem: Wie zum Podium hin sitzen und wie im Handumdrehen Flächen freibekommen bzw. für Hunderte Kleingruppen einrichten? Eine Bestuhlung wäre viel zu schwerfällig gewesen.
Die Frage nach leicht beweglichen Sitzmöglichkeiten musste darum gelöst werden. Ich dachte zunächst an "Becks-Bier"-Kisten, die seiner Zeit aus stabilem Karton gefertigt waren. Aber die Firma winkte aus Kapazitäts- und Transport- d.h. Kostengründen ab.
Bei "Henninger" (einer Frankfurter Brauerei) konnten wir uns leere rote Bierkisten aus Plastik kostenlos leihen, ich meine, es wären 1.500 Stück gewesen. Die aber haben lange nicht gereicht, es erwies sich dann auch im Vollzug, dass sie gefährlich waren: Man baute Türme und Burgen daraus und sobald die einstürzten, bestand erhebliche Verletzungsgefahr. Trotzdem: Heute ist schon ein Künstler, wer solche ‚Objekte' in Szene setzt.
Mir kam der Gedanke: Wir sollten uns für die große Veranstaltung eigene Hocker anfertigen, die man nach Gebrauch auseinander nehmen und an unsere Gäste verkaufen, also auch leicht und Platz sparend transportieren könnte. Auch damals schwammen wir nicht im Geld, eher schon in Wellenbädern unserer jungen Fantasie.
Meine Sekretärin gab, an eigenen Hintern abgemessen, Masse für Länge, Breite, Höhe an, und ich beschrieb die gewünschte Belastbarkeit. Vor allem ein möglichst vielfacher Gebrauch der Hocker war mir wichtig. Nix mit ex und hopp. Die Firma "Stabernack", in der Nähe Fuldas gelegen, fertigte uns Musterhocker. Wir testeten sie. Es wurden meiner Erinnerung nach für die Liturgische Nacht in Frankfurt 2.500 der Sitzhocker geliefert und sie eigneten sich hervorragend für unsere Zwecke: zentrale Ausrichtung, Umstellen in jede Kreisform mit oder ohne Mittelpunkte (Tische), Bänke zum Entspannen, Regalwände (ohne und mit Versteifungen), Theken, Stehpulte, Häuschen, Burgen, Türme, Schreib- und Malflächen, Springwürfel, Kopfmasken, Versorgungs- und Aufbewahrungscontainer und mehr - alles ließ sich im Nu bauen und mit allem konnten wir behände arbeiten und gefahrlos spielen. Nur beim Zusammen- und Auseinanderfalten musste man auf seine Fingerkuppen achten, Wellpappe hat messerscharfe Kanten, und Schnitte in den Fingerspitzen brennen heftig und lange.
Am Ende der zweiten Liturgischen Nacht in Frankfurt spielte Peter Janssens mit seinem Gesangsorchester einen für diesen Fall komponierten Müllrock, es bildeten sich viele Ketten - und die Halle wurde in kürzester Frist leer geräumt von den Hockern und von allem, was im Weg lag. Ich erinnere das Vergnügen, das wir dabei hatten, und eine für die nächste Veranstaltung am anderen Tag freie Halle. Der Hallenmeister der Messe spendierte uns aus Rührung eine Runde Klaren.
Die hereinkommenden Gäste versorgten sich anderentags selbst mit Hockern und bauten sie in die abgeklebten Sitzbereiche auf. Unsere mitwirkenden Gruppen haben sich für ihre Gemeindefeste vor der Abfahrt mit Hockern versorgt, den Organisationsleiter des Kirchentages, Heinz Steege, wunderte der Schwund, der in sich für den Würfel warb!
Damals haben wir auch LPs angeboten und stellten zu spät fest, dass deren Abmessung nicht in den Hockern unterzubringen war, es fehlten etwa je drei Zentimeter in L-B-H. Für die nächste Auflage in Berlin wurden die Masse demnach geändert. Der Hocker war bald ein großer Renner und auch in anderen Großveranstaltungen außerhalb vom Kirchentages beliebt. Mittlerweile gibt es Einrichtungshäuser nur mit Mobiliar aus Wellpappe.
Leider, das muss ich kritisieren, hat sich die Qualität der Kirchentags-Hocker arg in Richtung Werbe- und Wegwerfware verändert. Die erste Auflage war - so wollten wir das - rein funktional, sie hielt erheblicher Strapazierung und langer Nutzung stand. Ich habe heute noch, 27 Jahre später, zwei oder drei der ersten Hocker im Gebrauch und freue mich meines Einfalls.
Friedrich Karl Barth, Januar 2002
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